David Antonides
Objets trouvés aus Metall, verschmolzen in frei-fließendem Glas

Faszination Glas

Der Zauber von Glas ist seit Jahrtausenden bekannt und unzählige Objekte haben einen festen Platz in unser aller Alltag. In der zeitgenössischen Kunst konnte das Material Glas seit den 1960er Jahren in Form des Studioglases jedoch endlich einen Platz finden, der es vom rein Dekorativen oder Nützlichen loslöst und seiner Schönheit und seiner vielfältigen Ausdrucks- und Gestaltungsformen gerecht wird.

Die Faszination des Werkstoffes Glas hat der in der Uckermark und in Berlin lebende kanadische Künstler David Antonides bereits vor einigen Jahren für sich entdeckt. Neben der Arbeit mit den verschiedenen Techniken der Druckgrafik und neben der Malerei mit wasserlöslichen Pigmenten auf Baumwollpapier führte ihn seine künstlerische Suche vermehrt ins Skulpturale. Der Wunsch seine expressiven Pinselstriche vom großformatigen Papier auf das lichtdurchlässige und reflektierend Material Glas und damit ins Dreidimensionale zu übertragen, führte ihn über die gewählten Inhalte an die noch recht neue Technik des “free-air Slumpings”, die sich im besonderen Maße zur Gestaltung ausdrucksstarker Formen eignet.

Das anorganische Schmelzprodukt Glas kann wie kein anderes Material in seiner fließenden Bewegung gestoppt werden, und so erzeugt David Antonides Momente erstarrter Dynamik, vergleichbar mit den Szenerien, die er für seine expressiven Stadtlandschaften wählt.

Submarine Schätze

David Antonides experimentiert mit dem Glas und verfeinert seine Techniken beständig. In der Arbeit mit Glas und metallenen objets trouvés fand Antonides einen Weg, seiner Leidenschaft für die Poesie des Technischen Form zu geben.

Den Skulpturen von Antonides liegt eine Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte sowie die Reflexion über das aktuelle sozio-politische Umfeld zu Grunde. Seine Botschaften versiegelt er in Glas, das die Wahrnehmung der Objekte, die es einschließt, stark verändert. Nicht zuletzt durch die Anmutung von erstarrter Flüssigkeit, scheinen die metallenen Objekte wie unter Wasser zu liegen. Aus antiken Fundstücken, Werkzeugen und industriellen Überbleibseln werden submarine Schätze, die der Betrachter mit neuem Blick erforscht.

Unter der Oberfläche

Die Schreibmaschine TYPE 01 liegt im Glas wie unter Eis und stellt Fragen zur Unmöglichkeit der zu verfassenden Aussagen eines potentiellen Autors: Die Freiheit des Wortes erstarrt.
Ein Stillleben von seinem zweidimensionalen Zustand in ein Objekt überführt, das die einzelnen Bestandteile neu in Metall interpretiert und diese in einer dicken Schicht aus Glas zusammengeschweißt. Die Vergänglichkeit von Prunk und allem Irdischen, die bereits in dem Vorbild  von Jan Jansz. den Uyl thematisiert wird, wird durch die Versiegelung der Objekte in fragilem Glas zu einer noch eindrücklicheren Mahnung an den Betrachter, sich nicht durch Oberflächen blenden zu lassen.
Ohne Begrenzung durch Gußformen aber mit minutiöser Konzeption und Berechnung der zu erahnenden Wege des schmelzenden Glases lässt Antonides die zähflüssige glühend heiße Masse in seine metallenen Arrangements fließen. Die Viskosität des Glases ermöglicht ein Schaffen, das visuell durch die Natürlichkeit der autarken Fließbewegung beeindruckt und durch seine Materialität dazu verführt, auch haptisch erfasst zu werden.
Als erkaltete Produkte erhalten die Oberflächen der Arbeiten von David Antonides einen Glanz und eine Lichtdurchlässigkeit, je nach Schichtung aber auch eine Opazität, die vieles verbirgt, es aber auch gestattet einen Blick auf das Darunterliegende zu erhaschen. Die Beschaffenheit des Glases scheint im besonderen Maße geeignet, der Suche des Künstlers nach Transparenz durch die Akzentuierung von Gegensätzlichem zu begegnen.

Grobe schwere metallene Werkstücke bekommen durch das filigrane Glas, das von ihnen zu fließen scheint eine Flüchtigkeit. Die rätselhafte Verschmelzung und die physikalische Absurdität der Bewegung läßt den Betrachter surreale Empfindungen verspüren.

Die Freiheit des Ungeplanten

Die Spannung, die zwischen den verwendeten Materialien entsteht, liegt nicht zuletzt in ihrer Gegensätzlichkeit: Metall steht für Stabilität und Glas für Zerbrechlichkeit. Gemeinsam scheint ihnen der Aspekt der Kälte, allein die Dynamik der Formen zeugt von der Lebendigkeit der Idee hinter den Objekten.
Antonides arbeitet mit ganz herkömmlichem Floatglas, das durch die notwendige Beimischung von Eisenoxid eine grünliche Farbe erhält. Je nach Dicke der verwendeten Glasplatten und der Anzahl der Schichten können variierende Grüntöne erzeugt werden. Durch die Schichtung der Glasplatten, die in ihrem erstarrten Endzustand unregelmäßige Übergänge von Platte zu Platte bilden, bekommen die Metallobjekt den Anschein, sie könnten aus der gläsernen Eierschale platzen. Die Fragilität des Materials und die wahllos auftretenden Bruchstellen sind Ponderabilien, mit denen der Künstler gezielt arbeitet.
Um beim Verschmelzen von Metallobjekten mit dem Glas jene so autark scheinenden Fließmoment zu erlangen, ist neben einer umfassenden Kenntnis des Schmelzverhaltens des Materials auch ein Quentchen an Fatalismus und Neugier im Spiel.
Das Werk, das den Schmelzofen verläßt, hat eigene Wege beschritten, individuelle Formen erzeugt. Das gemeinsame Erhitzen der unterschiedlichen Materialien, von dem das Fundstück in der Vergangenheit durch einen Schmelzprozess entstanden ist und das andere nun zeitversetzt an es angeschweißt wird, lässt viel Freiheit für Ungeplantes und gerade das macht die Magie der Skulpturen Antonides aus.